ErnährungSupplements

Der Alltag eines Fitnessshop-Verkäufers

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Pünktlich zum Wochenende beglücke ich dich mit einer kleinen Geschichte, die sich diese Woche zusammen mit Toni, meinem Trainingspartner, abgespielt hat. Wir ließen uns in einem Fitnessshop ausgiebig beraten. Die Nahrungsergänzungsmittel, die uns angeboten wurden, waren nicht so zahlreich wie erwartet, die Fachkenntnis des Verkäufers dafür umso erschreckender.

Der Plan

Unser Plan bestand darin, in einen Fitnessshop zu gehen und uns ausgiebig beraten zu lassen. Der Clou: wir wollten Anfänger darstellen, die erst seit kurzem am Eisen sind. Der Beweggrund des Ganzen? Ich wollte testen, was und wie viel mir Verkäufer in der Fitnessbranche als Anfänger empfehlen würden. Ein wenig Langeweile war auch dabei – ich geb’s ja zu.

Vorweg: Du solltest keine Informationen glauben, die Du gleich lesen wirst. Der Mann hatte keine Ahnung und wollte uns einfach nur Nahrungsergänzungsmittel verkaufen. Unsere Ernährung und unser Trainingsverhalten interessierte ihn auch nicht.

Fokussieren

Zunächst machten wir uns Gedanken, was er uns denn empfehlen würde. Toni und ich waren uns einig – es wird wohl ein wilder Mix aus Proteinpulvern (wir dachten da an ein Molke-Protein, Mehrkomponentenprotein und Casein-Protein), Weight-Gainern (die uns zu mehr Muskelmasse verhelfen sollen) und eventuell BCAAs, da sie teuer sind und sich unter gutem Vorwand verkaufen lassen.

Jetzt mussten wir unser Zielobjekt nur noch anvisieren und uns darauf konzentrieren, nicht zu lachen. Das stellte sich in der Tat als etwas schwierig heraus – gelang aber letztendlich.Nach dem Betreten des Stores ging es auch schon los. Er fragte uns, ob er helfen kann. Wir schilderten unsere Ausgangslage: wir trainieren noch nicht lange, würden gerne Muskelmasse aufbauen und gehen recht unregelmäßig trainieren. Letzteres interessierte ihn nicht besonders – Regelmäßigkeit empfand er also schon mal nicht als wichtig.

Die Beratung

 

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Er zögerte nicht lange und kam zur Beratung seinen Nahrungsergänzungsmittel. Die erste Empfehlung war natürlich ein gutes Whey-Protein. Kurz ein paar Fakten genannt, empfahl er BCAAs und einen Weight-Gainer / Mass-Gainer, der nur aus Zucker bestand. Was uns überraschte: er schloss mit den Worten ab „mehr würde ich auch gar nicht nehmen als Anfänger“. Setzte aber dann noch nach „wie lange trainiert ihr jetzt? Ab 6 Monaten Training bietet sich eine Creatin-Kur an“. Wir entgegneten, dass wir gerade 5 Monate dabei sind und schon etwas aufgebaut haben.

Toni stand im Tank-Top in seinem Laden, ich im Pulli. Er schaute uns an und musterte uns von Kopf bis Fuß. „Ihr habt ja schon ein bisschen was“ – danke, für die aufmunternden Worte! Wir sehen nach 6 Monaten Training aus!

Wir wollten es genauer wissen: warum eine Creatin-Kur und keine Dauereinnahme? Das konnte er nicht so recht beantworten. Okay… nächste Frage. Ich entdeckte ein Mehrkomponentenprotein und fragte ihn, warum wir das nicht nehmen können. Die Antwort war eindeutig: „da ist Casein drin, das hat eine Magenverweildauer von 4h – das bringt euch nach dem Training gar nichts!“. Es bringt uns nach dem Training nichts? Okay, lassen wir das unkommentiert…

Toni stellte eine weitere Frage: sind BCAAs nicht auch im Whey-Proteinpulver drin? „Ja, aber das sind zu wenig. Es ist ratsam, BCAAs zusätzlich zuzuführen“. Nächste Frage: „Was machen denn BCAAs überhaupt?“ – Verkäufer: „sie dienen dem Muskelschutz!“

Bisher alles recht unspektakulär. Was er aber dann sagte, schockierte uns und brachte uns fast zum Lachen: „Manchmal kommen Jungs hier rein, die haben zu schnell aufgebaut und keine BCAAs dazu genommen. Die haben dann am Bizeps und der Brust Risse vom zu schnellen Muskelaufbau. Dann versuchen sie mit Cremes dagegen anzukämpfen. Hätten sie einfach mal BCAAs zusätzlich genommen.“ – bitte was? BCAAs beugen Hautrissen vor? Die wohl dämlichste Aussage im kompletten Beratungs- / Verkaufsgespräch.

Der katabole Teufel
Der katabole Teufel

In den Mass-Gainer sollen wir übrigens BCAAs mit reinmischen, da er zu wenig davon beinhaltet. Den Whey-Shake sollen wir 3 Mal täglich trinken. Aber bloß nicht mit Milch, sondern mit Wasser. Warum? Milch verlangsamt die Aufnahme vom Molkeprotein (Whey = Molke) und würde uns somit nach dem Training nichts bringen. Er wollte uns von einem 30 Minuten Zeitfenster nach dem Training erzählen. Wenn wir 30 Minuten nach dem Training kein Protein in unseren Körper bekommen, würde das Training nichts bringen. Der katabole Teufel lässt grüßen. 

Creatin brachte bei ihm übrigens einen enormen Leistungszuwachs. Er konnte sich damit innerhalb von 2 Wochen von 60 kg Bankdrücken auf 80 kg steigern. Entschuldige die Wertung, aber leider sah er nicht mal nach 50 kg Bankdrücken aus… Wenn wir die Creatin-Kur dann beendet hätten, sollten wir es durch Beta-Alanin ersetzen. Er verwies uns auf das Produkt und sagte, wir sollen es nach unserer „Kur“ kaufen.

Kurz waren wir wohl übermütig. Wir fragten, ob wir unser Eiweiß denn nicht mit der Ernährung zuführen könnten. Er meinte, dass das enorm schwierig sei. Nach Studien müsste man 2 Gramm Eiweiß pro Kilogramm Körpergewicht zuführen (das stimmt ausnahmsweise mal), um Muskelmasse aufzubauen. Das ist mit einer normalen Ernährung nicht möglich. In meinem Kopf arbeitete es – ich würde ihn gerne mal einen normalen Tag lang zeigen, was ich alles esse und wie spielend leicht ich auf meinen Proteingehalt komme. Aber gut, wir waren ja Anfänger und denen konnte man alles erzählen.

Die Zeit lief uns davon und wir wollten raus aus dieser Supplement-Hölle. Mit der Ausrede, dass wir darüber nachdenken und morgen wiederkommen, verließen wir den Laden. Wir sind auch nicht mehr zurückgekehrt. Das war doch eindeutig zu viel Halbwissen und extrem falsche Tipps.

Lasst euch nicht so viel Mist von Menschen erzählen, die dafür bezahlt werden, zu verkaufen.